Können mit Chinesischer Medizin Krankheiten „behandelt“ werden?
Taucht die Frage auf: Kann man mit Chinesischer Medizin Asthma behandeln? Bluthochdruck? Schuppenflechte? wäre die streng korrekte Antwort zunächst: Nein.
Zumindest nicht in dem Sinne, wie es die Schulmedizin versteht.
Die Chinesische Medizin behandelt keine klar definierten Krankheiten wie „Asthma“ oder „Hypertonie“. Stattdessen arbeitet sie mit funktionellen Mustern, etwa einem Taiyin-Muster, einer Hitze im Blut oder einer unzureichenden Verankerung von Yang im Yin. Diese sogenannten Krankheitsmuster beschreiben Zusammenhänge, Dynamiken und Ungleichgewichte im Organismus – nicht einzelne Krankheitsnamen.
Gerade dieser scheinbare Widerspruch eröffnet jedoch ein spannendes Feld: Er zeigt, wie unterschiedlich zwei medizinische Systeme denken, sprechen und diagnostizieren – und warum sie sich in der Praxis oft gut ergänzen können.
Zwei Medizinsysteme, zwei Denkweisen
Sprache als Spiegel der Medizin
Ein Blick in ein schulmedizinisches Lehrbuch offenbart Sätze wie:
„Diffuse (nichteitrige) Leberentzündung, verursacht durch verschiedene Viren. Zwischen den einzelnen Hepatitisformen (HA, HB, HC, HD, HE) besteht keine Kreuzimmunität.“1
Demgegenüber formulieren klassische Texte der Chinesischen Medizin beispielsweise:
„The lesser yáng disease marks the transition from exterior to interior and the transformation from cold into heat.“2
(Übersetzungen klassischer chinesischer Werke sind oft in Englisch.)
Die Unterschiede sind deutlich:
- Schulmedizinische Sprache ist präzise, beschreibend und pathogenorientiert.
- Chinesische Medizin verwendet eine metaphorische, bildhafte und kontextuelle Sprache, die Prozesse und Beziehungen in den Vordergrund stellt. Es werden zum Beispiel Vorgänge, wie sie in der Natur beobachtet werden, verwendet, um Zusammenhänge von Funktionen im Köper zu verstehen.
So kann zum Beispiel in Chinesischer Medizin von Feuchtigkeit die Rede sein. Das bedeutet nicht, dass Ödeme oder Schwellungen vorliegen müssen. Das chinesisch-medizinische Konzept von Feuchtigkeit im Körper umfasst hier ein ganzes Komplex an Symptomen – es können Schwellungen vorhanden sein, aber auch einfach ein Gefühl von Schwere in den Gliedmaßen.
Wenn beispielsweise in der Chinesischen Medizin von einem Blutmangel gesprochen wird, ist damit nicht zwangsläufig eine Anämie oder ein Eisenmangel gemeint. Blut hat in der Chinesischen Medizin viele Funktionen – ein Blutmangel kann in diesem Sinn auch bedeuten, dass nicht alle assoziierten Funktionen gleichermaßen ausgeführt werden.
Objektive Messung vs. interpretative Einordnung
Ein zentraler Unterschied liegt im diagnostischen Vorgehen:
- Schulmedizin arbeitet mit objektivierbaren Methoden wie Laborwerten, Bildgebung oder mikrobiologischen Nachweisen.
- Chinesische Medizin basiert auf der Wahrnehmung von Symptomen, Puls- und Zungendiagnostik sowie der Interpretation durch die Therapeutin.
In der Chinesischen Medizin ist die Diagnostik ist von Natur aus subjektiv. Das Gesamtbild der empfundenen Symptome, von Ess- und Schlafverhalten, Körperfunktionen, Puls- und Zungendiagnose wird von TCM Therapeuten interpretiert. Eine chinesisch-medizinische Diagnose ist nicht objektiv messabar.
Diagnosen im Wandel
Während eine schulmedizinische Diagnose in der Regel stabil bleibt, sobald sie korrekt gestellt wurde, ist die chinesische Diagnose prozesshaft.
Häufig liegen mehrere Krankheitsmuster gleichzeitig vor. Im Verlauf der Behandlung verändern sich Symptome, Prioritäten verschieben sich, und damit auch die diagnostische Einordnung. Behandlung bedeutet hier, Schicht für Schicht zu arbeiten – nicht einen festen Zustand zu „beseitigen“.
Warum Diagnosen kaum übersetzbar sind
Eine direkte Übersetzung zwischen beiden Systemen ist nur eingeschränkt möglich:
- Zehn Menschen mit derselben schulmedizinischen Diagnose können aus Sicht der Chinesischen Medizin zehn unterschiedliche Muster aufweisen.
- Umgekehrt können mehrere Menschen mit demselben chinesischen Krankheitsmuster völlig unterschiedliche – oder gar keine – schulmedizinischen Diagnosen haben.
Dennoch sind schulmedizinische Befunde für die chinesische Anamnese oft sehr wertvoll. Sie liefern Kontext, zeitliche Verläufe und Ausschlusskriterien – ohne das chinesische Diagnosesystem zu ersetzen.
Eine Wahrheit oder viele Perspektiven?
Die moderne Medizin folgt einem wissenschaftlichen Paradigma: Es gibt eine objektive Realität, die mit geeigneten Methoden immer genauer erfasst werden kann. Ziel ist es, die richtige Ursache, bzw. die multifaktoriellen Einflüsse zu identifizieren.
Die Chinesische Medizin hingegen kennt kein singuläres Erklärungsmodell. Innerhalb ihres Systems existieren zahlreiche Theorien und Sichtweisen parallel – etwa die Lehre der Zang-Fu, die Sechs Schichten, die Vier Ebenen oder die Fünf Wandlungsphasen.
Diese Modelle widersprechen sich nicht gegenseitig, sondern beleuchten denselben Menschen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Es geht weniger um eine absolute Wahrheit als um stimmige Interpretationen.
Detailtiefe und Gesamtschau
Schulmedizin sucht nach Details: Welches Bakterium? Welches Hormon? Welcher Neurotransmitter?
Die Chinesische Medizin richtet den Blick hingegen auf das Große Ganze und das Zusammenspiel: Was sagen Verdauung, Schlaf, Emotionen, Temperaturregulation und Energieverteilung darüber aus, welche Vorgänge gerade das gesamte Körpersystem am stärksten beeinflussen?
Beides sind legitime und sinnvolle Perspektiven – sie beantworten nur unterschiedliche Fragen.
Der praktische Nutzen für Patient*innen
In der Praxis entsteht ein Vorteil, wenn Schulmedizin und Chinesische Medizin nicht als Gegensätze verstanden werden.
Schulmedizinische Diagnostik und Behandlung, Akutversorgung und Notfallmedizin sind in vielen Fällen unverzichtbar. Die Chinesische Medizin kann ergänzend eingesetzt werden, um funktionelle Zusammenhänge zu betrachten, Prozesse zu begleiten und individuelle Muster zu berücksichtigen.
Ein Wort zur individuellen Beratung
Welche Rolle Chinesische Medizin im persönlichen Fall spielen kann, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt von vielen Faktoren ab – Symptomen, Vorerkrankungen, aktuellen Befunden und individuellen Ressourcen.
Ein persönliches Gespräch schafft hier Klarheit und ermöglicht eine realistische Einordnung.


